Tag: Wal

Der große Wal glitt langsam durch das tiefe Blau des Meeres, ruhig und majestätisch, als trüge er die Gelassenheit aller Ozeane in sich. Um ihn herum wirbelten unzählige kleine Goldfische wie flüssiges Sonnenlicht durchs Wasser. Sie tanzten um den stillen Giganten, neugierig, verspielt und ohne Angst.
Der Wal schien ihre hastigen Bewegungen kaum wahrzunehmen. Mit jedem langsamen Schlag seiner mächtigen Fluke zog er weiter durch das endlose Blau, als kenne er Wege, die älter waren als jeder Sturm und tiefer als jede Erinnerung. Auf seinem Rücken glitten silberne Lichtreflexe wie wandernde Wolken über dunkles Gestein.
Die Goldfische dagegen waren reine Unruhe. Mal schossen sie wie goldene Pfeile auseinander, mal sammelten sie sich zu leuchtenden Schwärmen, die im Sonnenlicht funkelten wie verstreute Münzen auf dem Meeresgrund. Einige wagten sich dicht an das Auge des Wals heran, als wollten sie herausfinden, welche Geheimnisse sich darin verbargen.
Doch in diesem Auge lag keine Bedrohung. Nur Ruhe. Eine uralte, beinahe traurige Ruhe, wie sie nur Wesen kennen, die seit Jahrhunderten die Ozeane durchwandern.
Manchmal öffnete der Wal langsam sein riesiges Maul und ließ gewaltige Wasserströme an sich vorbeiziehen. Die kleinen Goldfische flohen dann erschrocken auseinander, kehrten aber kurz darauf wieder zurück, als hätten sie verstanden, dass dieser sanfte Riese keinem Lebewesen etwas zuleide tun wollte.
Über ihnen brach das Sonnenlicht durch die Wasseroberfläche und verwandelte das Meer in eine schimmernde Welt aus Blau, Türkis und Gold. Es war, als hätte die Stille selbst begonnen zu leuchten.
Und während der Wal weiter durch die Tiefe zog, folgten ihm die kleinen Goldfische wie tanzende Gedanken…leicht, flüchtig und voller Leben.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 08.05.2026, 10.07 | (0/0) Kommentare | TB | PL


Anne Seltmann 27.04.2026, 01.00 | (7/2) Kommentare (RSS) | TB | PL

Juna hatte schon immer das Gefühl, dass das Meer sie kannte.
Nicht nur mochte.
Nicht nur duldete.
Nein – es kannte sie, wie man einen Namen kennt, der einem einmal wichtig war.
Jeden Abend ging sie an den Steg, setzte sich und sprach mit den Wellen, als könnten sie antworten.
„Wenn du Geheimnisse hast, sagte sie zum Meer,
„dann darfst du sie mir erzählen.
Eines Abends war das Wasser ungewöhnlich still.
Der Wind hatte aufgehört, an den Dünen zu zupfen, und selbst die Möwen schienen zu lauschen.
Dann brach etwas Dunkles durch die Oberfläche.
Ein Rücken, schwarz wie Mitternacht.
Eine Flosse, hoch und glänzend.
Ein Orca.
Juna hielt den Atem an.
Der Orca kam näher, langsam, lautlos, bis seine Augen sie fanden – tief, klug, beinahe menschlich.
„Du hast lange genug gefragt, sagte eine Stimme.
Juna sah sich um.
Niemand war da.
„Hier, sagte die Stimme wieder, warm wie tiefer Donner.
Der Orca neigte den Kopf.
„Manchmal antwortet das Meer.
Juna trat bis zu den Knöcheln ins Wasser.
„Kannst du sprechen?
„Nur mit denen, die zuhören können.
Von diesem Abend an kam der Orca jede Nacht.
Er erzählte ihr von Städten aus Korallen unter dem Meer,
von Schiffen, die auf dem Grund schlafen,
von Walen, die Lieder kennen, älter als jede Sprache.
Und Juna erzählte ihm von der Welt an Land:
von Vögeln, die im Regen baden,
von Apfelkuchen,
und davon, wie sich Einsamkeit manchmal anfühlt.
„Die Menschen glauben oft, sagte der Orca eines Nachts,
„dass sie allein sind mit dem, was sie fühlen.
Dabei trägt jedes Wesen seine eigene Tiefe.
Juna legte die Hand auf seine nasse Stirn.
„Wirst du immer kommen?
Der Orca schwieg lange.
Dann sagte er:
„Nichts, was magisch ist, bleibt für immer.
Aber manches bleibt lange genug, um ein Herz zu verändern.
Und eines Morgens war das Meer wieder nur Meer.
Der Orca kam nicht mehr.
Doch wann immer Juna später Angst hatte,
oder sich klein fühlte in einer lauten Welt,
ging sie an den Strand.
Und irgendwo weit draußen
hob sich manchmal eine schwarze Flosse
für einen einzigen Augenblick
aus den Wellen.
Nur damit sie wusste:
Manche Freundschaften
verschwinden nicht.
Sie lernen nur, aus der Ferne zu leuchten.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 14.04.2026, 16.37 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Ein Herz sagt „Auf Wiedersehen"
und bleibt doch noch einen Moment.
Als hätte es Zeit,
sich sanft von uns zu lösen.
Der Montag geht nicht einfach vorbei –
er legt sich leise ab
und wartet irgendwo darauf,
dass wir ihn wiederfinden.
Nun möchte ich eure Herzen finden. Ich bin gespannt!
Nächster Termin:

27. April 2026
Anne Seltmann 13.04.2026, 05.00 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Manchmal sind es die kleinsten Dinge, die einem besonders ans Herz gehen. Neulich bekamen wir ein Herz geschenkt. Kein glänzendes, kein perfektes, kein gekauftes. Es wurde gebastelt – mit kleinen Händen und mit ein bisschen Hilfe von der Mama.
Unser Enkelmädchen (4) hat es uns gebastelt
Und während ich dieses Herz in der Hand hielt, dachte ich plötzlich: So ein Herz ist eigentlich viel schöner als all die Herzen, die man sonst so sieht. Die perfekten, die glatten, die sorgfältig gestalteten.
Dieses hier ist anders. Vielleicht ist die Linie ein bisschen schief.Vielleicht sitzten die Sticker nicht ganz dort, wo sie eigentlich hin sollten. Aber genau das macht es so besonders. Denn in diesem Herz steckt etwas, das man nicht basteln kann: Zuneigung. Ein bisschen Stolz. Und vermutlich auch ein kleines „Das ist für dich.
Ich habe im Laufe der Zeit schon viele Herzen gesehen und auch gezeigt. Aber dieses hier gehört zu den schönsten. Vielleicht gerade deshalb, weil es von einem Kind kommt.
16.03.2026, 01.00 | (7/2) Kommentare (RSS) | TB | PL

Willkommen zum 654. Montagsherz!
Am 21. Februar 2011 ist das Montagsherz online gegangen. Bis zum 17. März 2022 wurden Woche für Woche Herzen in allen Formen gesammelt – so viele kreative, liebevolle und besondere Entdeckungen.
Dann hat Anette mir dieses schöne Projekt anvertraut und mir auch den Button links unten übergeben. Ich habe mich sehr darüber gefreut – und bin ihr bis heute dankbar, dass ich diese Tradition weiterführen darf.
Heute zeige ich euch ein Herz, das ich bei uns am Strand entdeckt habe. Es lag einfach da, vom Wind und vielleicht auch von liebevollen Händen geformt. Der Mensch, der es gestaltet hat, wird wohl nie erfahren, wie sehr ich mich über diesen kleinen Fund gefreut habe. Für mich war es so ein typischer Herz-Moment – überraschend, still und einfach schön.
Und jetzt bin ich gespannt auf eure Beiträge. Ich freue mich von Herzen auf alles, was ihr entdeckt, festgehalten und mitgebracht habt.
Nächster Termin:
16. März 2026

Anne Seltmann 02.03.2026, 01.00 | (5/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


der wald
ist kein ort
er geschieht
zwischen rinde und atmung
ein licht
das nicht fällt
sondern tastet
unter den füßen
das weiche gedächtnis
aus nadeln
aus jahren
ein knacken
(oder war es nur
mein denken?)
moos legt
seine kühle hand
auf den stein
und alles
was ich sagen wollte
zieht sich zurück
in wurzeln
der wald spricht nicht
er sammelt
atem
harz
schatten
und gibt mich
langsamer
zurück
als ich kam.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 26.02.2026, 06.20 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


16.02.2026, 00.00 | (8/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Thula und das Meer
Thula war ein kleines Wal-Mädchen mit einer Stimme, die noch nicht wusste, wie groß sie einmal werden würde. Wenn sie sang, klang es mehr wie ein Atemzug als wie ein Lied. Trotzdem liebte das Meer ihre Töne.
Thula lebte dort, wo das Wasser tiefblau wird und die
Strömungen langsam erzählen. Ihre Mutter sagte immer:
„Das Meer hört zu, auch wenn es still ist.
Thula glaubte das. Sie sang dem Licht, das von oben fiel. Sie sang den schlafenden Quallen gute Träume. Und manchmal, wenn niemand hinsah, sang sie einfach nur für sich.
Doch Thula hatte eine Sorge. Die anderen jungen Wale übten große Lieder – lange, kräftige Gesänge, die weit durch den Ozean trugen. Thulas Stimme dagegen blieb klein. Zart. Fast schüchtern.
Eines Tages schwamm Thula allein hinaus, dorthin, wo die Stille größer war als die Strömung. Sie legte sich zwischen zwei alte Felsen und hörte zu. Dem Knacken des Eises in der Ferne. Dem sanften Ziehen der Gezeiten. Dem leisen Puls des Wassers.
Und dann sang sie.
Nicht laut. Nicht lang.
Nur ehrlich.
Das Meer hielt den Atem an.
Die Strömungen wurden langsamer, als wollten sie nichts verpassen. Ein Schwarm kleiner Fische blieb stehen, wie hingemalt. Sogar das Licht schien einen Moment zu verweilen.
Thulas Lied erzählte nichts von Größe oder Stärke. Es erzählte davon, wie es ist, klein zu sein und trotzdem da. Wie es sich anfühlt, seinen Platz zu suchen, ohne zu wissen, wie er aussieht.
Als Thula zurückkehrte, warteten die anderen Wale bereits. Sie hatten nichts gehört – und doch etwas gespürt. Ruhe. Wärme. Ein Gefühl von Angekommensein.
Von diesem Tag an wusste Thula:
Man muss nicht laut sein, um gehört zu werden.
Man muss nicht groß sein, um Spuren zu hinterlassen.
Und irgendwo tief im Ozean, zwischen Strömung und Stille,
trägt das Meer bis heute ein kleines Lied.
Es heißt Thula.
Anne Seltmann 28.01.2026, 06.01 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Herzlich willkommen zum 650. Montagsherz
Was für eine Zahl – und was für ein Weg. Seit so vielen Montagen sammeln sich hier Herzen in allen Farben, Formen und Stimmungen: leise, laute, verspielte, nachdenkliche. Jedes einzelne erzählt eine kleine Geschichte und trägt ein Stück Persönlichkeit in sich.
Auch heute öffnet sich dieser Raum wieder für eure Bilder, Gedanken und Assoziationen rund ums Herz. Zeigt, was euch berührt, überrascht oder begleitet hat – fotografisch, kreativ oder ganz frei interpretiert.
Ich freue mich sehr auf eine rege Beteiligung, auf neue Blickwinkel und auf das vertraute Wiedersehen mit euren Montagsherzen. Lasst uns diesen besonderen Montag alle 14 Tage gemeinsam füllen!
Schön, dass ihr da seid!

Bitte verlinkt, wie immer euer Bilder bei mirim Kommentarfeld.
Danke!
Anne Seltmann 05.01.2026, 00.00 | (8/0) Kommentare (RSS) | TB | PL